Aufgeben oder durchbeißen?

Noch 308 Tage bis Rainer Ziplinsky, Gründer von ZIPPEL’S Läuferwelt noch einmal einen Marathon laufen will. Und das mit 70 Jahren! Er hat sich hohe Ziele gesetzt und ist fest entschlossen, die 42,195 Kilometer in unter 3:30 Stunden zu schaffen. In diesem Blog berichtet er über seine Vorbereitung, seine Ziele und von den Höhen und Tiefen, dass das Lauftraining mit sich bringt.

Die letzte Woche war von schönem und warmem, gelegentlich heißem Sommerwetter geprägt. Früher konnte ich gut bei Hitze laufen. Heute fällt es mir doch deutlich schwerer und ich versuche dann möglichst, mit niedriger Geschwindigkeit und geringer Kraftanstrengung zu laufen.

Beim heutigen Lauf über 15 km erinnerte ich mich an zwei Hitzemarathons bei weit über 30 Grad, die ich 1979 bestritten habe. Am 28. Juli lief ich auf einer 10 km Pendelstrecke am Neckar eine Zeit von 2:42 Stunden und 5 Wochen später bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in Hamburg Neugraben durch das Alte Land stieg ich leider bei ca. 28 km aus. Einen Lauf nicht zu beenden, ist für mich immer die schlechteste Lösung. Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, einen Lauf mit einer schlechten Leistung oder einer schlechten Zeit zu beenden, ist allemal befriedigender, als einen Lauf abzubrechen. Man hat ein Ergebnis, ist ins Ziel gekommen und hat dann hinterher jedenfalls die Möglichkeit zu analysieren, woran es gelegen hat, seine Leistung nicht abgerufen zu haben. Bei medizinischen Problemen ist ein Abbruch selbstverständlich unvermeidlich, notwendig und vernünftig. Aber die Entscheidung für einen Ausstieg ist aus meiner Sicht viel häufiger ein mentales Problem. Die typische Situation ist doch, dass man sein Tempo nicht mehr halten kann, oder man muss den Kontakt zu einer Gruppe, in der man läuft, abreißen lassen. Möglicherweise wird man dann von aufholenden Läufern überholt. In so einem Moment wird eben häufig die Entscheidung gefällt: Ich steige aus! Aber in so einer Situation ein Rennen zu beenden, schafft Selbstvertrauen und Stärke für die Zukunft. Hinzu kommt, dass es Mitläufern häufig nicht besser geht als einem selbst.

Ich erinnere mich an einen 25 km Lauf im niedersächsischen Oldenburg. Es waren norddeutsche Meisterschaften und das Läuferfeld war gut besetzt. Der erste Läufer, Ingo Sensburg aus Berlin, war dem Feld schon enteilt. Aber danach war eine größere Verfolgergruppe von ca. 12 Leuten, in der auch ich mich befand. Kurz vor der Wendemarke bei ca. 11 km hatte ich das Gefühl von Schwäche und war im Begriff abreißen zu lassen. Ein begleitender Radfahrer unseres Teams munterte mich auf und rief: „Rainer, bleib dran, du schaffst es.“ Die anderen sehen auch nicht mehr frisch aus. Dieser kurze Impuls von außen zeigte tatsächlich Wirkung. Ich biss die Zähne zusammen, ging an meine Schmerzgrenze und folgte der Gruppe. Kurz nach der Wendemarke, etwa bei 13 km, passierte es dann: Ein Läufer nach dem anderen verabschiedete sich aus der Gruppe und ich wurde im Ziel vierter. Damit waren aus meiner Gruppe nur zwei Läufer vor mir, aber neun hinter mir. Indem ich diese Zeilen schreibe, wird mir wieder bewusst, wie mich derartige Erlebnisse während meiner Läuferkarriere geprägt haben.

Vom gegen- und miteinander laufen

Nun war die Situation früher zu meiner Leistungssportzeit etwas anders als heute. Ich lief, zumal bei Meisterschaften, in erster Linie gegen andere Läufer. Das bedeutet, das Tempo war nicht planbar. Ich ging immer mit dem Ziel in ein Rennen es zu gewinnen oder zumindest eine optimale Platzierung zu erreichen. Also musste ich zu Beginn jedes Tempo mitgehen. Heute gehen die meisten Läufer an den Start, um eine bestimmte Zeit zu laufen. Und damit ist ein individuelles Renntempo schon vorprogrammiert.

Auch ich werde es bei meinem Frühjahrsmarathon in Hamburg so angehen. Meine anvisierte Zielzeit von 3:30 Std. entspricht ca. einem 5 Minuten Schnitt pro Kilometer. Somit habe ich während des Laufes zu jedem Zeitpunkt einen aktuellen Vergleich und weiß, ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Der „Kampf“ gegen andere Läufer entfällt und ich kann meinen Laufrhythmus selbst bestimmen. Es geht ausschließlich darum, das angepeilte Tempo möglichst lange, bestenfalls bis ins Ziel zu halten.

Wochenkilometer: 49,8 km

Kilometer insgesamt: 314,8 km

Auf Instagram und Strava könnt ihr noch mehr über meine Marathonvorbereitung erfahren.

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Comments

  • Bin nie in deiner Leistungsklasse gelaufen. Musste zum Glück nie abbrechen (aus gesundheitlichen Gründen). Aber die Entscheidung zu sagen: Das Rennen ist beendet, jetzt komme zumindestens gut und gesund an musste ich schon paar mal treffen. Wünsche Dir für Dein Vorhaben in Hamburg Erfolg und Spaß.

    Posted vor 3 Monate by Börge Hubrig
    • Herzlichen Dank, Börge!
      Ich wünsche dir eine gute Erholung vom Laufen.
      Danach geht es wieder bergauf!

      Posted vor 3 Monate by Rainer Ziplinsky
  • ...und ins Ziel zu kommen, auch wenn die Zeit vielleicht schlechter ist.

    Posted vor 3 Monate by Stephanie
    • Ja, das gibt trotzdem eine Befriedigung!

      Posted vor 3 Monate by Rainer Ziplinsky

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